Lackmustest für die deutsche Seele

Henryk M. Broder beschäftigt sich mit Götz Aly 's neunem Buch "Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass – 1800 bis 1933". In seiner Rezension las ich diese treffende und lesenswerte Passage, die ich mal ausprobieren werde:
Wenn Sie das nächste Mal bei Ihren Nachbarn zu einer Geburtstagsparty eingeladen sind, dann machen Sie – beiläufig, zwischen einem Prosecco und einen Mojito – die Probe aufs Exempel. Sagen Sie einfach, ohne ihre Stimme zu erheben oder zu senken, den Satz: "An allem sind die Juden und die Fußgänger schuld." In neun von zehn Fällen wird Ihr Gegenüber mit der Frage reagieren: "Wieso die Fußgänger?"

Sollten Sie beabsichtigen, den Rest des Abends allein zu verbringen, dann machen Sie weiter und fragen zurück: "Wieso die Juden?" Möchten Sie aber bestehende Freundschaften nicht aufs Spiel setzen, dann sagen Sie einfach: "Das frage ich mich auch" und beenden das kleine Experiment.

Natürlich ist Ihr Nachbar kein Antisemit. Er hat schon im Toten Meer gebadet, hört daheim Klezmer-Musik und liebt den Humor von Woody Allen. Aber, um Fassbinder zu zitieren: "So denkt es in ihm." Dass die Juden an allem schuld sind, am Atheismus und am Christentum, am Marxismus und der Psychoanalyse, am Sozialismus und am Kapitalismus, an Hollywood und Pornografie, an fallenden und an steigenden Aktienkursen, das ist so selbstverständlich, dass auch Menschen, die relativ frei von Ressentiments sind, die Judenkarte ziehen, wenn ihnen Sündenböcke zur Auswahl angeboten werden.
Ich hatte auf die Neuerscheinung bereits hingewiesen. Wie auch Wippermann hält Broder das Buch für lesenswert und, ob seiner provozierenden Thesen, für erfrischend. In der Sache ist er resigniert. Darf auch er auch!
Der Antisemitismus war und ist nicht nur der "Sozialismus der dummen Kerls" (August Bebel), er ist eine Seelenspeise, mit der sich die Verlierer trösten. "Die Verschlafenen neigen dazu, Trägheit als Nachdenklichkeit, mangelnde Schlagfertigkeit als Tiefsinn, fehlende Bildung als Innerlichkeit auszugeben", schreibt Aly und wird sich damit die Kritik jener zuziehen, die glauben, man könne den Antisemitismus mit Aufklärung bekämpfen, man müsse den Antisemiten nur klar machen, welchen Beitrag die deutschen Juden zur deutschen Kultur geleistet, wie viele Nobelpreise sie gewonnen und wie tapfer sie im Ersten Weltkrieg gekämpft haben.

Das Gegenteil ist der Fall. Eine solche Betonung jüdischer "Tugenden" wird den Antisemiten in seinem Gefühl der Unterlegenheit nur bestärken. Denn er hasst den Juden nicht dafür, was er sagt oder tut, er hasst ihn, weil er da ist.
Letztlich ist es einerlei, ob wir den Neid oder den absoluten Vernichtungswillen zu Grunde legen - der deutsche Antisemitismus bleibt unfaßbar mörderisch, bestialsch.

Gefallen hat mir der Schwenk auf die aktuelle Diskussion.
Götz Alys Buch kommt zum richtigen Zeitpunkt. Die deutsche Schicksalsfrage – "Wie hältst du es mit den Juden?" – liegt wieder auf dem Tisch, nur dass es diesmal um Israel geht. Die Linkspartei will als erste deutsche Partei das "Existenzrecht Israels" in ihr Programm aufnehmen, was ebenso kurios ist wie die antisemitisch-antizionistischen Aktivitäten einzelner Mitglieder der Linkspartei. Hört man die Politiker von der "besonderen deutschen Verantwortung für Israel" sprechen, könnte man auf die Idee kommen, Israel sei das 17. Land der Bundesrepublik.
 Ja, Broder, das würde uns gefallen. Nicht Mallorca oder Teneriffa - Israel!

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